Vertrauenspersonen und Lernpaten

Im Berliner Wedding leben viele Migrantenfamilien, die in die deutsche Gesellschaft nur zum Teil integriert sind. Und es gibt genügend deutsche Bürger, die kaum wissen, wie das Leben dieser Familien Gestaltung findet. Hier gibt es auf beiden Seiten viel zu lernen: in der deutschen Bevölkerung und in den Migrantenfamilien. Wir wünschen uns in unserem Stadtteil ein Zusammenleben, das vom Interesse am Anderen bestimmt ist.

Mit dem Projekt Kiezpatenschaften fördern wir ehrenamtliches Engagement zur Unterstützung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus dem Wedding. Die Ehrenamtlichen stammen aus vielfältigen Berufsfeldern, sind unterschiedlichen Alters und beiderlei Geschlechts. Fast alle sind inzwischen durch Wohnort oder Arbeit mit der sozialen Situation im Stadtteil Wedding gut vertraut. Du unterstützt in Eins-zu-Eins-Patenschaften die jungen Menschen meist arabischer, afrikanischer oder türkischer Herkunft in erster Linie bei den Hausaufgaben, zunehmend auch bei privaten Problemen, der Förderung der deutschen Sprache, bei Behördengängen, bei der Suche und Bewerbung um einen Ausbildungsplatz. Die wachsende Zusammenarbeit mit den Eltern bildet einen wichtigen Bestandteil der Patenschaft.

Über den Aufbau persönlicher Beziehungen sollen Parallelstrukturen im Kiez aufgebrochen bzw. soll diesen vorgebeugt werden. Wo gemeinsame Aktionen und Gespräche ausbleiben, werden Feindbilder aufgebaut, die oft nicht der Realität entsprechen. Hier sind alle Beteiligten gleichermaßen herausgefordert: Nicht nur die Kinder und Jugendlichen lernen sich im deutschen Alltag besser zu orientieren, auch die deutschen Paten lernen die Regeln und Gewohnheiten ihrer Nachbarn und Mitbürger nichtdeutscher Herkunft besser kennen. Die Kiezpatenschaften wollen damit aktiv und progressiv ‚an der Basis’ zum gegenseitigen Verständnis und friedvollen Miteinander von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen in unserer Stadt beitragen.

 

 

 

Kiezpatenschaften im Portrait

Durch Eins-zu-Eins-Patenschaften und Hausaufgabenhilfe in Kleingruppen konnten wir bereits viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund aus dem Wedding zum Lernen und für einen erfolgreichen Schulabschluss motivieren.

 

Brücke zwischen zwei Welten

Eine Patenschaft übernehmen, das klingt nach viel Verantwortung – und das ist es auch. Gerade das ist einer der Faktoren, die ein Ehrenamt so lohnenswert machen, findet Laura Mitrach. Vor zwei Jahren übernahm die 30-jährige Event- und Projektmanagerin eine Kiezpatenschaft für ein Kind aus dem Libanon, mit Fokus auf Hausaugabenbegleitung. Mittlerweile unterstützt sie auch die zwei kleinen Geschwister bei den Schulaufgaben und vielem mehr. Wir haben uns mit der Kiezpatin über ihre Erfahrungen unterhalten.

 

Laura, wie bist du darauf gekommen, eine Kiezpatenschaft zu übernehmen?
Ich hatte schon länger die Idee, mich ehrenamtlich zu engagieren, aber zunächst keine Ahnung, was genau ich realistisch machen kann. Über Gute-Tat.de kam ich auf den Verein WIR GESTALTEN e.V., der im Wedding Kiezpatenschaften vermittelt. Nach einem Vorgespräch traf ich mich gemeinsam mit der Projektkoordinatorin Kerstin Falk mit Farah*, der Mutter der damals achtjährigen Esra*. Sie kommt aus einem kleinen Dorf im Libanon und lebt seit sieben Jahren mit ihren drei Töchtern allein in Berlin.

Wie hast du die ersten Treffen als Kiezpatin erlebt?
Zu Beginn war es schon ziemlich ungewohnt, für alle Seiten war das doch eine ganz neue Erfahrung. Auch Sprachbarrieren galt es zu überwinden. Die Gastmutter hat zunächst gar nicht verstanden, warum ich das eigentlich mache – sie dachte, das sei mein Job. Aber genau darum geht es jenseits der Kernaufgabe Hausaufgabenhilfe schließlich auch: sich kennenzulernen, und auch Einblicke in die jeweils andere Kultur zu gewinnen. Für mich war es anfangs zum Beispiel überraschend, dass die Kinder regelmäßig beten.

Gab es noch andere kulturelle Bereiche, in denen ihr Unterschiede erlebt habt?
Die Kleinen machen immer wieder mal große Augen, wenn ich von meinem Alltag erzähle. Dass ich alleine lebe und arbeiten gehe, um meine Miete selbst zu verdienen, ist so ein Punkt. Aber auch, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Es kam sogar mal die Frage, ob ich eigentlich eine richtige Frau sei. Als Frau alleinerziehend zu leben, in Farahs Heimat ist das eine ziemlich ungewöhnliche Lebensform. Hier in Deutschland ist es recht häufig gelebte Realität. Ich denke, dass so eine Patenschaft genau für solche Reibungspunkte gewinnbringend ist: Der Austausch baut Brücken zwischen den Welten und schafft Nähe.

Wie sieht so ein Besuch von dir konkret aus?
Ich komme meistens Anfang der Woche abends nach der Arbeit vorbei. Mit meinem Arbeitgeber habe ich vereinbart, dass ich einmal wöchentlich ganz pünktlich loskomme. Dann wird erstmal eine halbe Stunde gequatscht oder gegessen, ehe es an die Arbeit geht. Wenn ich dann einem der drei Mädchen bei den Aufgaben helfe, arbeiten die anderen konzentriert an ihren eigenen Themen. Das hat sich inzwischen als festes Ritual etabliert.

Haben sich deine ursprünglichen Erwartungen an das Ehrenamt erfüllt?
Mehr als das! Ich hätte nicht gedacht, dass sich diese Tätigkeit so wunderbar in meinen Alltag integrieren lässt, wie es sich nun gestaltet. Es macht mir große Freude, zu sehen, dass ich wirklich etwas bewirke. Dass sich die Schulleistungen verbessern, ist eine Sache. Aber dann entsteht da eben auch eine recht enge persönliche Beziehung. Von der Gastmutter habe ich erfahren, dass die drei Kinder immer ganz aus dem Häuschen sind, wenn sie wissen, dass ich komme. Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit sind sehr wichtig, um einen guten Draht aufzubauen. Als ich einmal 14 Tage nicht kommen konnte, hat die Kleinste ganz doll geweint. Das geht mir dann schon nahe. Und es freut mich sehr, dass ich häufig zum Essen oder zu Festen eingeladen werde.

Auf welchen Zeitraum ist so eine Kiezpatenschaft ausgelegt?
Vom Verein her ist kein Zeitraum festgelegt und von meiner Seite gerne „Open End“. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass ich auch in Zukunft eine wichtige Bezugsperson für die Familie bleiben werde – und kann so ein Ehrenamt nur empfehlen!

Vielen Dank für das Gespräch!

* Name von der Redaktion geändert

 

Duška und Mahmoud

Duška, selbst migrationserfahren und berufstätige Mutter zweier Kinder, engagiert sich seit Beginn dieses Jahres mit großer Freude als Kiezpatin, weil „Mahmoud ein cleverer Kerl mit rascher Auffassungsgabe ist“. So versteht die Ingenieurin und erfahrene Mathe-Nachhilfelehrerin diese Patenschaft nicht als klassische Nachhilfe, sondern eher als Motivationstraining. Sie beide bringen Ideen ein und haben Freude am Lernen. An WIR GESTALTEN e.V. schätzt sie die Möglichkeit, durch das Freizeitangebot im Kiezcafé mehr von Mahmoud als von seinen Schulproblemen zu erfahren: Bevor sie Rechtschreibung üben, Vokabeln pauken oder Lösungswege für Matheaufgaben austüfteln, spielen die beiden häufig Geduldsspiele. Hier berichtet Duška der Mutter über die schulischen Fortschritte ihres Sohnes. In der Patenschaft arbeiten Duška und Mahmoud an dem gemeinsamen Ziel eines guten Mittleren Schulabschlusses. Duška wünscht Mahmoud, „dass er nicht aufgibt und einen guten Ausbildungsplatz bekommt, weil er verlässlich, höflich und klug ist und sich zudem gut artikulieren kann.“

Aus der Patenschaft ist bereits Freundschaft geworden. Gerne würde Duška nun auch die gesamte Familie kennenlernen, um noch mehr über die kulturellen Wurzeln ihres Patenkindes mit palästinensischer Abstammung zu erfahren. Ihr Spaß am Erfahrungsaustausch mit Mahmoud hat Duška dazu motiviert, eine zweite Patenschaft zu übernehmen. Seit ein paar Wochen unterstützt sie nun auch ein kurdisches Mädchen bei den Hausaufgaben und beim Erlernen der deutschen Sprache.

 

Agnes über Katja, Razan und Rasha

Agnes ist bereits seit der Vereinsgründung von WIR GESTALTEN Kiezpatin. Im Jahre 2006 übernahm sie ihr erstes Patenkind „weil ich das Gefühl hatte, das tun zu wollen.“ Agnes macht es glücklich, dass sie Katja, die zunächst aufgrund ihres ungeklärten Aufenthaltsstatus mit der großen Unsicherheit einer Abschiebung nach Ghana leben musste, dazu motivieren konnte, einen guten MSA-Abschluss zu machen und nun eine erfolgreiche Ausbildung als Hotelfachfrau zu absolvieren.

Die Möglichkeit durch eine Patenschaft einem Kind ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lassen und es für einen höflichen Umgang sensibilisieren zu können, hält Agnes letztlich für die entscheidende Grundvoraussetzung, um Durchhaltevermögen für eine erfolgreiche Schullaufbahn zu entwickeln. Durch ihr gewachsenes Selbstbewusstsein und ihren zunehmenden Ehrgeiz ist es Katja gelungen, den Klassenlehrer zu überzeugen, sie statt auf eine Sonderschule auf eine Oberschule zu schicken. Zudem schaffte sie es, sich dem anfänglichen Mobbing in der Schule nach und nach zu entziehen und beim Wechsel in die weiterführende Schule schnell eigene Freunde zu finden.

Agnes hat Freude an der Patenschaft, „weil Kinder stets eigene Einfälle haben, Ideen einbringen und man zusammen kreativ sein kann“

Neben der Gelegenheit in einer Patenschaft, Unterstützung zur Verbesserung schulischer Leistungen und sozialer Kompetenzen zu geben, sieht Agnes ihre Aufgabe darin, ihr Patenkind in der Entwicklung individueller Kompetenzen zu fördern. Als Katja einen Fabelaufsatz für die Schule schreiben sollte, überraschte Katja Agnes durch ihre Fähigkeit, sich fantasievoll auszudrücken und auf diese Weise persönliche Erfahrungen zu verarbeiten. Motiviert durch die Anerkennung schreibt sich Katja nun selbständig Erlebnisse von der Seele.

Nicht nur diese Erfolge, sondern auch die interkulturellen Erfahrungen empfindet Agnes als sehr bereichernd. Eingeladen zum afrikanischen Essen, lernte Agnes viel über die kulturellen und religiösen Gepflogenheiten ihrer Patenfamilie. Nachhaltig beeindruckt hat sie der Vater nicht nur als gelernter Koch, sondern auch durch seine Gepflogenheit und Gabe, den Familiengottesdienst sehr ansprechend in den eigenen vier Wänden abzuhalten.

Seit dem erfolgreichen Schulabschluss von Katja ist Agnes nun Patin zweier Mädchen mit libanesischer Abstammung. Durch Mund-zu-Mund Propaganda im Kiezcafé haben die Mütter der achtjährigen Razan und elfjährigen Rasha von den Kiezpatenschaften erfahren. An diesem Begegnungsort hat auch Agnes Gelegenheit, sich mit den Müttern über die beiden Mädchen auszutauschen.

Viel Spaß haben Agnes und die Mädchen bei der gemeinsamen Entwicklung von Lernspielen. Da Razan durch das gemeinsam ausgedachte 1x1-Würfelspiel die Zahlenfolgen nun prima beherrscht, will Agnes ihr nun ihre Freude am Lesen vermitteln. Die Patin ist froh darüber, dass Razan als eine von sechs Geschwistern schulischen Ehrgeiz entwickelt hat und den Übergang in die nächste Klasse schaffen wird.

Auch Rasha lernt inzwischen so fleißig, dass Agnes überzeugt ist, dass sie den Übertritt ins Gymnasium meistern wird. Durch ständige Wiederholung mit Hilfe des selbst gebastelten Vokabelmemorys hat Rasah für ihren letzten Englischtest eine Eins erhalten. Zudem zeigt sie im Fach Deutsch bereits deutliche Lernfortschritte. Da Rasha Ärztin werden will, möchte Agnes sie bis zum Abitur begleiten.

Agnes engagiert sich für die „Kiezpatenschaften“, weil ihr Integration eine Herzensangelegenheit ist. Für alle, die Freude daran haben, Mitmenschen aus anderen Kulturkreisen kennenzulernen und hierdurch eigene Gewohnheiten zu reflektieren, möchte Agnes die Kiezpatenschaften wärmstens empfehlen.

 

 

 

Du willst eine Patenschaft übernehmen?

Wir freuen uns, wenn du eine Patenschaft übernehmen willst und …

  • Freude daran hast, mit einem Kind einmal wöchentlich für zwei Stunden Freizeit zu verbringen und es beim Erlernen der deutschen Sprache zu unterstützen.
  • ein offenes Ohr für seine persönlichen Probleme hast und zuverlässig bist.
  • Verständnis für die soziale Situation von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und / oder bildungsfernem Hintergrund hast.
  • Interesse an langfristigem und kontinuierlichem Engagement mitbringst.
  • Interesse am interkulturellen Dialog im Sinne eines wechselseitigen Kennenlernens hast.

Nach einem ersten Kennenlernen unter Begleitung einer unserer Mitarbeiterinnen und einer Probephase von mehreren Treffen mit dem Patenkind entscheiden Sie sich verbindlich für eine Patenschaft. Besonders am Anfang werden Sie durch die zuständige Koordinatorin begleitet. Daneben gibt es kontinuierlich Austauschtreffen mit anderen Paten und Workshops zu wichtigen Themen.

Die Kinder stammen überwiegend aus Familien mit Migrationshintergrund und sind zwischen sieben und fünfzehn Jahre alt. Da die Eltern häufig ihren vielen Kindern nicht die erforderliche Unterstützung geben können, wünschen sie sich für ihre Kinder eine verlässliche Vertrauensperson, die ihnen individuelle Aufmerksamkeit schenkt.

 

Nimm Kontakt mit uns auf:

mirjam.ekelmann@wirgestaltenev.de

 

 

 

Du suchst Lernunterstützung?

Für Familien

Wenn du dir für dein Kind eine Patenschaft wünschst, dann setz dich mit uns in Verbindung, um den Unterstützungsbedarf deines Kindes zu klären. Wir treffen uns in unserem Verein und klären alle Fragen. Hier lernst du uns und deinen Paten bzw. deine Patin vorher kennen und wir vereinbaren die Rahmenbedingungen der Patenschaft. Die Patenschaft ist kostenlos. Der Pate/die Patin engagiert sich ehrenamtlich, um die schulischen Leistungen und persönlichen Kompetenzen deines Kindes zu fördern. Die Vermittlung von Patenschaften kann u. U. einige Zeit in Anspruch nehmen.

Anmeldungen für unsere fächerspezifische und altersentsprechende Hausaufgabenhilfe erfolgen verbindlich für ein Jahr jeweils zu Beginn des neuen Schuljahres.

 

Für Schüler/-innen

Wenn du Schwierigkeiten in der Schule hast, dann melde dich bei uns. Wir vermitteln dir eine Patenschaft oder ermöglichen dir, an unserer Hausaufgabenhilfe teilzunehmen.

 

Kontakt:

mirjam.ekelmann@wirgestaltenev.de